Hans Thomalla














Home | biography | works | performances | photos | contact | publications




















Moments Musicaux: einander folgende oder gleichzeitig erklingende Klanggestalten treten aus dem Fluss akustischer Ereignisse heraus und bilden Einheiten, gehören zusammen. Wie entsteht solche Einheit, ein solcher Moment? Welche Kategorien halten die einzelnen Klangelemente zusammen? Wie lang ist ein musikalischer Moment? Wie kurz lässt er sich komprimieren, wie lang dehnen, zehn Sekunden, 60 Sekunden, 5 Minuten? Wie verschieden können die Ereignisse sein um dennoch eine Einheit zu bilden, wie stark müssen sie sich unterscheiden, um nicht Wiederholung des Identischen zu sein? Kann „ein Ton“ nicht-identisch mit sich selbst sein, sich fremd werden?
Momentsmusicaux ist Kammermusik – Musik, die nah gespielt wird, nah gehört, im privaten (oder pseudo-privaten) Raum. Es ist eine Art zu musizieren, die sich nicht trennen läßt vom bürgerlichen Klischee von Intimität, des „Einander Verstehens“, „Zusammen Atmens“ – Fluchtbewegung einer Gesellschaft des 19ten und 20ten Jahrhunderts, welche Öffentlichkeit nur als Entfremdung oder Gewalt erfahren hat, ins Private. Einige Takte aus Brahms Klarinettenquartett sind Ausgangsmaterial des Stückes: Inbegriff und zugleich historischer Endpunkt einer Musik, die „Einssein“ artikuliert.
Zugleich benennt Kammermusik aber auch ein Musizieren, das nichts verstecken kann, weil es so nah, wie unter dem Mikroskop entsteht: die Instrumente liegen offen, ihre Materialität und Mechanik präsentiert sich, im Extremfall verherrlicht als domestizierte Natur. Eine Flötenetüde von Theobald Böhm, dem großen „Bezwinger“ der Holzblasintonation, ist das andere Ausgangsmaterial von Momentsmusicaux. Ausgangsmaterialien im wörtlichen Sinne: auszugehen vom fremden Objekt, dass mich „berührt“, es unter die Lupe nehmen, seine Bestandteile mit dem anderen, fremden Material und mit sich selbst konfrontieren, die innewohnenden syntaktischen und rhetorischen Möglichkeiten fortschreiben, um auf diese Weise die Bedeutungen des Materials zu erkunden, herausfinden, wovon es spricht oder wovon es sprechen kann.

Hans Thomalla,
Juli 2004