Hans Thomalla














Home | biography | works | performances | photos | contact | publications





Enter subhead content here
















Exclamatio. Wenn man aus einer starken Gemüthsbewegung einen Ausruff thut.
Gottsched


Komponierte Klänge sind Zeichen. Sie tragen Bedeutung, auch wenn ihre Bedeutung in Sprache selten zu übersetzen ist. Ihre Zeichenhaftigkeit ist dichotom. Zum einen sind sie Zeichen vom Menschen für Menschen, vom Komponisten und vom Interpreten an Zuhörer. Die Klänge bedeuten jedoch auch ihr eigenes Klangmaterial, sind auch Zeichen der klingenden Materie selbst. Hätte dieser Begriff nicht seine Bedeutung verloren, könnte man sagen: sie sind Zeichen der Natur – der Natur in der schwingenden Darmsaite der Harfe und dem Holz ihres Resonanzkörpers, der Natur in der von der Klarinettistin bewegten Luft, und in der angeschlagenen Klaviersaite, aber auch der Natur im Spieler, den Eigenschaften seiner Finger, seiner  Lunge, seiner Lippen, seinen Geistes.
Man kennt die Bewegung beim Waldspaziergang: das gedankenverlorene Berühren der Blätter. Es ist die mit den Fingern an Blätter oder Äste gestellte Frage: „“Wie fühlt sich das an?“ Ich kenne diese Frage auch akustisch, das beiläufige Klopfen auf Treppengeländer oder Tischplatten: „Wie klingt das?“
Beide Bedeutungsaspekte sind eng miteinander verbunden. Der Komponist oder der Instrumentalist bedient sich der Klangcharakteristik der Materie für seine Rhetorik: das Blechbläsersforzato mit seiner extremen Lautstärke und der harten Attacke im spezifischen Spektrum als Bedeutung von Gewalt, die pianissimo gespielten, fast nur berührten Harfensaiten mit ihrem weichen Einschwingvorgang als Bedeutung von Zartheit, Sanftheit.
Die Musik meiner Gegenwart ist bestimmt von einem Ausverkauf von Bedeutungsklischees, rhetorischen Stereotypen – in der Neuen Musik ebenso wie in der Unterhaltungsmusik. Sie sind vom Komponisten so mühelos abgerufen, wie vom Hörer konsumiert, eine Reiz-Reflex-Reaktion der Pauken und Trompeten, der gläsernen Flageolletakkorde, der exotischen Jet-Whistles.
Bedeutungsvolles Komponieren heißt für mich nicht bloß Bedienung im Repertoire der scheinbar verfügbaren rhetorischen Klischees, sondern eine aktive, d.h. kompositorische Befragung der Klänge und Klangfiguren, hinsichtlich dessen, was da klingt und was es bedeutet – akustisch aber auch historisch, Befragung jener Bedeutungsschichten, welche die Geschichte so vielen Klangfiguren aufgetragen hat. Es heißt Befragung auch in der fremdbestimmten Manipulation jener Klänge und Klangfiguren, der brutalen Verzerrung, Übersteuerung, dem Schnitt, und ihre Aussetzung in fremde Kontexte – jene Vorgängen, die in meiner Gegenwart so bestimmend geworden sind für Musik, und die zugleich die Befragung und damit Neuformulierung von Bedeutung nicht nur zum musealen Vorgang der Rekonstruktion verzerrter oder verschwommener Bedeutung machen, sondern zum echten Abenteuer, zur Suche nach dem, was in den Klängen in so einem fremden Kontext zu mir, zueinander und zu sich selbst spricht.
„Ausruff“ für Ensemble ist Untersuchung der Bedeutung der Exclamatio, der Klangfigur des Aufschreis, in der musikalischen Sprache meiner Gegenwart, insbesondere in der Ensemblemusik, und es ist zugleich der Versuch der Artikulation eines Ausrufs selbst.
„Ausruff“ ist dem Ensemble Modern gewidmet.

Hans Thomalla
















Enter supporting content here




Enter content here


Enter content here


Enter content here