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Exclamatio. Wenn man aus einer starken Gemüthsbewegung einen Ausruff thut. Gottsched Komponierte Klänge sind Zeichen. Sie tragen Bedeutung, auch wenn ihre Bedeutung in Sprache selten
zu übersetzen ist. Ihre Zeichenhaftigkeit ist dichotom. Zum einen sind sie Zeichen vom Menschen für Menschen, vom
Komponisten und vom Interpreten an Zuhörer. Die Klänge bedeuten jedoch auch ihr eigenes Klangmaterial, sind auch
Zeichen der klingenden Materie selbst. Hätte dieser Begriff nicht seine Bedeutung verloren, könnte man sagen: sie
sind Zeichen der Natur – der Natur in der schwingenden Darmsaite der Harfe und dem Holz ihres Resonanzkörpers,
der Natur in der von der Klarinettistin bewegten Luft, und in der angeschlagenen Klaviersaite, aber auch der Natur im Spieler,
den Eigenschaften seiner Finger, seiner Lunge, seiner Lippen, seinen Geistes. Man kennt die Bewegung beim Waldspaziergang:
das gedankenverlorene Berühren der Blätter. Es ist die mit den Fingern an Blätter oder Äste gestellte
Frage: „“Wie fühlt sich das an?“ Ich kenne diese Frage auch akustisch, das beiläufige Klopfen
auf Treppengeländer oder Tischplatten: „Wie klingt das?“ Beide Bedeutungsaspekte sind eng miteinander
verbunden. Der Komponist oder der Instrumentalist bedient sich der Klangcharakteristik der Materie für seine Rhetorik:
das Blechbläsersforzato mit seiner extremen Lautstärke und der harten Attacke im spezifischen Spektrum als Bedeutung
von Gewalt, die pianissimo gespielten, fast nur berührten Harfensaiten mit ihrem weichen Einschwingvorgang als Bedeutung
von Zartheit, Sanftheit. Die Musik meiner Gegenwart ist bestimmt von einem Ausverkauf von Bedeutungsklischees, rhetorischen
Stereotypen – in der Neuen Musik ebenso wie in der Unterhaltungsmusik. Sie sind vom Komponisten so mühelos abgerufen,
wie vom Hörer konsumiert, eine Reiz-Reflex-Reaktion der Pauken und Trompeten, der gläsernen Flageolletakkorde, der
exotischen Jet-Whistles. Bedeutungsvolles Komponieren heißt für mich nicht bloß Bedienung im Repertoire
der scheinbar verfügbaren rhetorischen Klischees, sondern eine aktive, d.h. kompositorische Befragung der Klänge
und Klangfiguren, hinsichtlich dessen, was da klingt und was es bedeutet – akustisch aber auch historisch, Befragung
jener Bedeutungsschichten, welche die Geschichte so vielen Klangfiguren aufgetragen hat. Es heißt Befragung auch in
der fremdbestimmten Manipulation jener Klänge und Klangfiguren, der brutalen Verzerrung, Übersteuerung, dem Schnitt,
und ihre Aussetzung in fremde Kontexte – jene Vorgängen, die in meiner Gegenwart so bestimmend geworden sind für
Musik, und die zugleich die Befragung und damit Neuformulierung von Bedeutung nicht nur zum musealen Vorgang der Rekonstruktion
verzerrter oder verschwommener Bedeutung machen, sondern zum echten Abenteuer, zur Suche nach dem, was in den Klängen
in so einem fremden Kontext zu mir, zueinander und zu sich selbst spricht. „Ausruff“ für Ensemble ist
Untersuchung der Bedeutung der Exclamatio, der Klangfigur des Aufschreis, in der musikalischen Sprache meiner Gegenwart, insbesondere
in der Ensemblemusik, und es ist zugleich der Versuch der Artikulation eines Ausrufs selbst. „Ausruff“ ist
dem Ensemble Modern gewidmet.
Hans Thomalla
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