Hans Thomalla














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Die Regenpfütze, die von niemand gebraucht wird, die nicht terrorisiert wird, damit sie sich ‚verhält’, kann sich die klassische Form leisten: Übereinstimmung von Form und Inhalt. Wir Menschen sind dadurch bestimmt, dass Form und Inhalt miteinander Krieg führen. Wenn nämlich der Inhalt eine Momentaufnahme (160 Jahre oder eine Sekunde lang) und die Form das übrige Ganze, die Lücke, ist, das, was die Geschichte gerade nicht erzählt.
Alexander Kluge, Neue Geschichten. Hefte 1-18, ‚Unheimlichkeit der Zeit’, 1977

Das romantische Charakterstück versucht Isolation von einem zunehmend gewaltsam und fragmentierend erfahrenem Außen, dessen Bruchstück es nicht sein will. Meist für ein Solo-Instrument geschrieben basiert es auf einem einzigen musikalischen Gedanken. Es ist für sich. Die Gefährdung von Identität erscheint nur als Vorgeschichte.
In „Stücke Charakter“ versuche ich die Erkundung dessen, was ein Charakter ist, von der anderen Seite, quasi von Außen kommend: das Stück ist Kammermusik, verschiedene Klangkörper mit verschiedenen Gestalten – Stücke von Charakteren – werden miteinander konfrontiert. Die Untersuchung von Identität als ständige Bewegung – aus sich selbst heraus oder durch die Begegnung mit dem Anderen – tritt dabei zunehmend in den Vordergrund.
Die Konzentration auf die Bewegung eines musikalischen Charakters stellt die Frage nach der Zeit: Welche Zeit hat eine musikalische Figur? Wie weit ist ihre Identität durch die Zeit, die sie hat, selbst- oder fremdbestimmt?
Das Stück endet in der befreiten Eigenzeit der Klänge – musikalischer Charakter und seine Zeit sind identisch, jeder Klavierton, jedes Pizzikato hat die Zeit, die er oder es zum verklingen benötigt. Sind sie damit fensterlos isoliert, „für sich“?
„Stücke Charakter“ ist meinen Töchtern Lilly und Marie gewidmet, als Dank für die Möglichkeit, die Entstehung und Bewegung ihrer Charaktere zu erleben.

Hans Thomalla, April 2006