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Noema, musikalisch-rhetorische Figur, die Bedeutung fokussiert: in der Vokalpolyphonie bis ins 18. Jahrhundert bezeichnet
es den Moment, in dem sich die Stimmen in Homophonie zusammenfinden und so den wesentlichen Gedanken des Textes hervorheben.
Mich hat jedoch immer die Bedeutungsentwicklung dieser Figur wie so vieler anderer rhetorischer Figuren mehr interessiert
als ihre Herkunft. Ihr verschlungener Weg durch die Europäische Geschichte bis zu ihrem Platz in der musikalischen Bedeutungsverwirrung
meiner Gegenwart. Für zwei Klaviere, oder besser: zwei Konzertflügel zu komponieren, ist für mich gleichbedeutend
mit der Notwendigkeit, mich mit Klangbeherrschung auseinander zu setzen – das Instrumentarium ist Verherrlichung seiner
selbst: die genormte Klaviatur aus 87 identischen Intervallen, der Rahmen aus „Kruppstahl“, der dem Konzertflügel
erst jene Durchschlagskraft gegeben hat, die Voraussetzung für die Komposition all der Etüden war, die im Jahrhundert
der domestizierten Natur entstanden. Die verdinglichten Überreste des Noemas in den Schlussformeln jener Klavieretüden
waren das Ausgangsmaterial für die kompositorische Arbeit: zehnstimmige Akkorde im Fortissimo, endlos wiederholt –
hier ist Bedeutung nur noch Behauptung, reiner Kraftakt, der die Beherrschung des Materials zelebriert. Die Dekonstruktion
jenes Etüdenmaterials führt vielleicht zum Noema des Klaviers selbst: Es ist die Schönheit der angeschlagenen
und verklingenden Saiten – ihre spezifischen Ein- und Ausschwingvorgänge, ihre Zeitlichkeit, und die Schönheit
jener über die ganze Klaviatur verteilten Akkorde, die eben nur auf dem Klavier möglich sind, und seinem Klang diese
ganz eigene Bedeutung von Weite geben können.
Hans Thomalla, Dezember 2004
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