Hans Thomalla














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Noema, musikalisch-rhetorische Figur, die Bedeutung fokussiert: in der Vokalpolyphonie bis ins 18. Jahrhundert bezeichnet es den Moment, in dem sich die Stimmen in Homophonie zusammenfinden und so den wesentlichen Gedanken des Textes hervorheben. Mich hat jedoch immer die Bedeutungsentwicklung dieser Figur wie so vieler anderer rhetorischer Figuren mehr interessiert als ihre Herkunft. Ihr verschlungener Weg durch die Europäische Geschichte bis zu ihrem Platz in der musikalischen Bedeutungsverwirrung meiner Gegenwart.
Für zwei Klaviere, oder besser: zwei Konzertflügel zu komponieren, ist für mich gleichbedeutend mit der Notwendigkeit, mich mit Klangbeherrschung auseinander zu setzen – das Instrumentarium ist Verherrlichung seiner selbst: die genormte Klaviatur aus 87 identischen Intervallen, der Rahmen aus „Kruppstahl“, der dem Konzertflügel erst jene Durchschlagskraft gegeben hat, die Voraussetzung für die Komposition all der Etüden war, die im Jahrhundert der domestizierten Natur entstanden.
Die verdinglichten Überreste des Noemas in den Schlussformeln jener Klavieretüden waren das Ausgangsmaterial für die kompositorische Arbeit: zehnstimmige Akkorde im Fortissimo, endlos wiederholt – hier ist Bedeutung nur noch Behauptung, reiner Kraftakt, der die Beherrschung des Materials zelebriert.
Die Dekonstruktion jenes Etüdenmaterials führt vielleicht zum Noema des Klaviers selbst: Es ist die Schönheit der angeschlagenen und verklingenden Saiten – ihre spezifischen Ein- und Ausschwingvorgänge, ihre Zeitlichkeit, und die Schönheit jener über die ganze Klaviatur verteilten Akkorde, die eben nur auf dem Klavier möglich sind, und seinem Klang diese ganz eigene Bedeutung von Weite geben können.

Hans Thomalla, Dezember 2004