
|

|
Was ist stärker, C-Dur oder Pizzikato? Helmut Lachenmann
Mit
„Bebung“ wird in der barocken Figurenlehre das Vibrato auf dem Clavichord bezeichnet, ein Tasteninstrument, das
dem Finger die Beeinflussung des Klanges auch nach dem Anschlag noch ermöglicht. Eine der bekanntesten Erscheinungen
von „Bebung“ ist in der Übertragung für das Hammerklavier, wo eben jenes Vibrato nicht mehr möglich
ist, schon historisierend: das wie ein Rezitationston „sprechende“ wiederholte A in Beethovens langsamen Satz
zur Sonate op. 110. In dem oben stehenden Zitat Helmut Lachenmanns wird ein Konflikt erkennbar, eine Auseinandersetzung
eines semantischen Aspektes von Klang, der sich auf eine durch tradierte musikalischen Begriffe funktionierende Sprache stützt
(ein Akkord in C-Dur, eine als Seufzermotiv abfallende kleine Sekund, eine emphatisch aufsteigende Melodie in E-dur ), und
eines akustischen Aspektes von Klang, seine unabhängig von geschichtlicher musikalischer Sprache wahrgenommene, quasi
empirische Erscheinung, der Akustiker würde sagen: seine Hüllkurve (Pizzikato oder Arco, Crescendo oder Diminuendo,
col legno, Vibrato). In „Bebungen“ für Streichtrio nehme ich die Auseinandersetzung dieser beiden Aspekte
wörtlich, ich setze sie auseinander. Die melodischen und harmonischen Figuren sind nicht mit ihrer klanglichen Erscheinung
in „Einklang“, sondern sie widersprechen einander. Auf das Streichinstrument übertragen konkretisiert
die Figur der Bebung, das Pulsieren des Bogens auf der Saite, diesen Konflikt am instrumentalen Spielvorgang: die linke Hand
des Streichers greift die Töne der Melodie oder des Akkords auf den Saiten, wahrend die rechte Hand die Intensität
und die Rhythmik der Bogenbewegung kontrolliert, und so weitestgehend die Klangerscheinung bestimmt. Die Reibung beider Bereiche
bleibt jedoch nicht destruktiv, sie zerstört nicht die Einheit musikalischer Sprache, sondern eröffnet eine andere
musikalische Sprache. Als rhetorische Figur verweist die Bebung auf ein „Ich“ im musikalischen Vortrag, auf
das rezitierende, sprechende Instrument, und zugleich thematisiert sie den akustischen, empirischen Aspekt von Klang,
da sie weder durch Melodik noch Harmonik bestimmt ist. Sie bildet die Möglichkeit einer Brücke zwischen jener musiksprachlichen
Welt, die sich auf eine tradierte, und stereotypisierte Konvention von Bedeutung stützt, und jener musikalischen Sprache,
die ihre Bedeutungen aus den Klangerscheinungen und ihren Erzählungen selbst entwirft.
Hans Thomalla, Februar
2007
|

|

|