Hans Thomalla














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Fremd

Musiktheater in drei Szenen, einem Intermezzo und einem Epilog

von Hans Thomalla

 

Johannes Kalitzke (Musikalische Leitung)
Anna Viebrock (Regie, Bühne, Kostüme)
Annette Seiltgen  (Medea)
Stefan Storck (Jason)
Julia Späth (Kind 1)
Carlos Zapien (Kind 2)
Herren und Damen des Staastopernchores (Argonauten)
Staatsorchester Stuttgart

 

Hans Thomallas Musiktheater Fremd entstand – nach Voraufführung einer ersten Szene 2006 am damaligen Forum Neues Musiktheater in Stuttgart – als Auftragswerk der Staatsoper Stuttgart. Am 2. Juli 2011 kam das gesamte Werk im Opernhaus unter der Musikalischen Leitung von Johannes Kalitzke und in der Regie und Ausstattung von Anna Viebrock zur Uraufführung. Die Partie der Medea singt Annette Seiltgen, die Stimmen der Argonauten hat Hans Thomalla für die einzelnen Mitglieder des Staatsopernchores komponiert.

 

Fremd

Das Thema von Fremd ist eine Begegnung und ihre Folgen.

 Die Argonauten sind griechische Seehelden, ihren Namen tragen sie als die Besatzung des Schiffes Argo. An der Ostküste des Schwarzen Meeres treffen sie auf Medea. Die unverständliche, unsystematisierbare Welt der „barbarischen“ Magierin ist den griechischen Helden, ihrem rationalisiertem Selbstverständnis, fremd. Medeas Artikulationsformen, die eher Klang sind als Begriff, ihre den anderen gegenüber weniger zweckorientierte als neugierige Haltung, bleiben nicht ohne Folgen für das Selbstverständnis der Argonauten. Sie erschüttern deren Identität: „Ich selber bin mir Gegenstand geworden. Ein anderer denkt in mir, ein anderer handelt“, sagt Jason, ihr Anführer.

 Unter der Oberfläche der Konfrontation zwischen Griechen und Medea liegt ein Konflikt, der die Problematik unseres Denkens im Herzen trifft: es ist der Konflikt von Natur und Begriff. Die Verdinglichung des Anderen, der Natur in uns und außer uns, nimmt ihren Anfang in der Landung der Argonauten in Kolchis, dem fremden, unbezwungenen Land.

 Der Medea-Mythos lässt sich nicht „vertonen“, seine Geschichte nicht „in Musik“ setzen, als wäre „Musik“ ein widerspruchsloses Medium zur Erzählung. Der Konflikt von Natur und Begriff ist wesentliches Charakteristikum der Musik selbst, die Gegenstrebigkeit von zeitlichem, nicht-wiederholbarem Klang und seiner Systematisierung im musiksprachlichen Idiom – ob als ‚Belcanto-Oper’, als Kinderlied, oder als durchrationalisierte Chromatik – ist zentraler Konflikt musikalischer Sprache. Daher wird ein Musiktheater, daß sich mit der Argonautika auseinandersetzt, immer eine Reflektion über Musik selbst sein, immer die

Tragödie der Musik selbst inszenieren müssen.

 Hans Thomalla, Juni 2011

 

Handlung

 

Erste Szene – Drift

Text: Auszüge aus dem  Argonautenepos (Mitte des 3. Jahrhunderts vor Chr.) des Apollonios von Rhodos

Die erste Szene überblendet den ‚Heldenkatalog’, in dem alle Mitglieder der illustren Besatzung der Argo namentlich gewürdigt sind, mit Episoden aus den ersten beiden Büchern des Epos. In ihnen sind die Ereignisse von der Sammlung der Argonauten im griechischen Jolkos bis zur Landung in Kolchis an der Ostküste des Schwarzen Meeres berichtet: der Aufenthalt bei den männerlosen Lemnierinnen, der Kampf mit den Erdgeborenen und den Elementen, das Zerbrechen des Ruders des Herakles, die Entführung Hylas’ durch eine Nymphe, Herakles’ und Polyphemos’ vergebliche Suche nach ihm und ihre Zurücklassung, der Tod des Sehers Idmon und des Steuermanns Typhis, endlich die erfolgreiche Durchfahrt durch die Symplegaden, die ‚Prallfelsen’, ins Schwarze Meer. Für viele Helden ist ihre erste Nennung auch schon der Nekrolog: ihrer Namen, Kenntnisse und Fähigkeiten wird in den vier Büchern des Epos nie wieder gedacht.

 

Zweite Szene – Kolchis

Text: aus dem 2. Bild des 3. Aufzugs des Dramas Die Argonauten (1821) von Franz Grillparzer; Zitate aus der Medea-Oper von Luigi Cherubini (1797)
In der Begegnung Medeas, der barbarischen Königstochter, und der Argonauten an der Ostküste des Schwarzen Meeres verkehrt sich die Erfahrung des Eigenen als fremd und des Fremden als vertraut. Medea verliebt sich in den Anführer der Argonauten Jason.

Intermezzo – Flüchtig
Medea flieht mit Jason und dem mit ihrer Hilfe geraubten Goldenen Vlies vor der Verfolgung durch ihren Vater. Die Flucht Jasons und Medeas ist auch eine zu sich selbst. Zwei Kinder werden geboren.

Dritte Szene – Finale (Korinth)

Text: Monolog der Medea aus dem 3. Akt von  Cherubinis Oper Médée (1797) in der italienischen Übersetzung von Carlo Zangarini (1909); Hush, Little Baby (Amerikanisches Wiegenlied, Anonym)
Angesichts von Jasons Verrat, der sich in Korinth durch eine neue Heirat Bleiberecht erkauft, setzt Medea sein Zerstörungswerk fort. Sie tötet die Kinder.

 

Epilog

Artikulationsversuche nach dem Verlust von Sprache – brüchig, tastend, stockend.